FAZ 19.11.2025
10:30 Uhr

Bahnchaos im Rheingau: Auf der Schiene zählt nur  Zuverlässigkeit


Unpünktlichkeit und Zug-Ausfälle sind das Kernproblem der Rheingaulinie. Die anhaltende Misere zeigt sich auch in mangelhafter Kommunikation.

Bahnchaos im Rheingau: Auf der Schiene zählt nur  Zuverlässigkeit

Ein zeitgemäßer Komfort im optisch schicken Nahverkehrszug ist für alle Passagiere ohne Zweifel höchst angenehm. Saubere Wagen, bequeme Sitze, Ladebuchsen für das Smartphone, schnelles WLAN, womöglich gar funktionierende Toiletten und geleerte Abfallbehälter – das alles sind Pluspunkte im öffentlichen Personennahverkehr auf der Schiene, an denen fast alle Verkehrsunternehmen arbeiten. Am Ende hängt die Kundenzufriedenheit aber vornehmlich von einer einzigen Eigenschaft ab: Zuverlässigkeit. Ohne sie sind die erwähnten Pluspunkte weniger als die Hälfte wert. Wer pünktlich in die Schule oder an den Arbeitsplatz will, der nimmt ohne zu Murren auch weniger komfortable Züge in Kauf, solange sie den Fahrplan einigermaßen genau einhalten. Von Schweizer Verhältnissen träumen die Pendler in deutschen Ballungsgebieten ohnehin nicht. Doch selbst von einem Mindestmaß an Zuverlässigkeit kann im Bahnverkehr auf der Rheingaulinie schon lange keine Rede mehr sein. Viele Entschuldigungen für ein Versagen Entschuldigungen und Gründe gibt es immer neue: Erst waren es nicht ausreichend besetzte Stellwerke, dann ein Mangel an Zugführern und Zugbegleitern, oder es fehlte an einsatzfähigen Triebwagen. Hinzu kommt ein eklatanter Mangel an Kommunikation. Dass die Rheingaulinie zu jenen Schienenwegen gehört, die 2026 für fünf Monate komplett gesperrt werden, um der Generalsanierung der Strecke Raum zu geben, ist hinlänglich bekannt. Nicht vorbereitet wurde die Region allerdings darauf, dass schon gut ein Jahr vorher die Vorbereitung dieser intensiven Sanierungsphase den Fahrplan stark beeinträchtigen wird. Wer gerne Bahn fährt, der sollte sich diese Art der Fortbewegung durch den Rheingau nach Möglichkeit erst von 2027 an wieder gönnen. Bis dahin gleicht der Fahrplan einem Lottozettel: Manche Zahl stimmt, die meisten allerdings nicht. An der Misere wird auch das nächste Krisentreffen nichts ändern, zu dem der von einer Beschwerdeflut angestachelte Landrat eingeladen hat. Wer sicher und zuverlässig reisen will, nimmt sich die Zeit für den Omnibus oder weicht auf das Auto aus. Zusätzliche Ersatzbusse lehnt Vias bislang allerdings ab, weil derjenige immer noch pünktlicher als mit dem Bus ankommt, der nach einem Zugausfall mit der nächsten planmäßigen Bahn 30 Minuten später fährt. Das zeigt die ganze Misere in der Region. Und es ist ein Vorgeschmack auf die Vollsperrung in der zweiten Jahreshälfte. Wie dann der Schülerverkehr ordentlich funktionieren soll, darauf hätten viele Eltern gerne schon jetzt eine Antwort.